30. April 2010 - Alltag in Afghanistan |
Nun sind seit meinem letzten Eintrag schon wieder zwei Wochen vergangen, zwei Wochen voller wundervoller Begegnungen, neuer Freundschaften und interessanter Erlebnisse. Zwei Wochen, in denen sich in Kabul so etwas wie Alltag eingependelt hat. Kabul ist ein Ort, der es einem leicht macht, sich wohl zu fühlen, denn man lernt hier unbeschreiblich liebenswürdige und freundliche Menschen kennen. Auch die Arbeit im Entwicklungsministerium macht mir weiterhin riesig viel Spass. Wir sind fast täglich auf Konferenzen und Seminaren der Weltbank, der Vereinten Nationen und der ISAF (International Security Assistance Force) eingeladen. In Kürze werden wir selber eine grössere zweitägige Konferenz abhalten, bei der sogar Karzai und seine ganze Sippe anwesend sein werden. Bin ich gespannt darauf, sag ich euch...
Viel Freizeit habe ich bei einer 6 Tage Woche nicht, doch dass die Zeit die ich habe, nutze ich um das Leben hier zu geniessen und um viele neue Bekannstschaften zu machen. Ich habe das grosse Glück, dass Carol-jan schon seit einigen Monaten in der Stadt lebt und so bereits tief in die „Expat Szene“ verwurzelt ist. Die Expat Szene ist eine eingeschworene kleine Community – man lernt sich schnell kennen und verbringt viel Zeit gemeinsam. Dienstag abends trifft man sich zum Beispiel zum Tanzkurs im mexikanischen Restaurant „La Cantina“. Könnt ihr euch vorstellen, dass man in Kabul Walzer tanzen lernen kann?
Meine grosse Liebe in Kabul ist jedoch das kleine Wakhan Café und sein Besitzer Farshid-jan. Farshid-jan ist mit Abstand der netteste Afghane den ich bisher kennengelernt habe und Afghanen sind generell super nett, herzlich und hilfsbereit. Farshid-jan, so habe ich oft das Gefühl, geniesst nichts mehr als anderen Menschen zu helfen. Er hat in Malaysia und Japan studiert und hat einige Jahre lang ein IT Projekt der Vereinten Nationen geleitet. Farshid-jan ist einer der sehr gebildeten und modernen Afghanen im Land, gleichzeitig ist er aber auch recht traditionell und religiös. Unsere beidseitige, unaufhaltsame Neugierde für alle Dinge die anders und fremd sind, hat uns zusammengeführt und oft versinken wir in studenlangen tiefen Gesprächen. Seit dem ich Farshid-jan kenne, gab es keinen Tag, an dem er mich nicht angerufen hat, einfach nur um zu fragen, ob es mir gut geht und ob ich vielleicht irgendetwas bräuchte. Kürzlich hatte ich die grosse Ehre, seine Familie kennenzulernen. In ein afghanisches Zuhause eingeladen zu werden, ist etwas sehr Besonderes und ich habe die Erfahrung sehr genossen. Ich habe zusammen mit seiner Ehefrau, seiner Mutter, seinen Schwestern, seinen Tanten und dem restlichen weiblichen Teil der Familie zu Abend gegessen und Farshid-jan hat mit dem männlichen Teil der Familie im Nebenraum gespeisst. Alle 10 Minuten hat er Mariam-jan, seine Frau angerufen, um sicherzustellen, dass ich mich auch nicht langweile und dass mir das Essen auch schmeckt :). So süß.
At Wakhan Café
Farshid-jan spielt nur allzugerne Tourguide für Carol und mich. Donnerstagnachmittag sind wir zusammen zum Qargha See (etwa 15 min nördlich der Stadt) gefahren um hier ein wenig zu relaxen. Der Qargha See ist ein beliebtes Ausflugsziel für die genervten Grossstädter, die mal wieder ein wenig saubere Luft tanken möchten....
....und natürlich wird hier in den kleinen Restaurants ams Seeufer auch Shisha geraucht (nein, in dieser Wasserpfeife ist kein Schwarzer Afghane sondern Orangentabak :))
Neben Farshid-jan, hatte ich auch noch das große Glück "Papa" Tom kennenzulernen. Tom nennen wir gerne "Papa Tom" – weil er sich einfach rührend um die jüngere Generation der Expat Community kümmert, als wäre er der Vater eines jeden einzelnen von uns. Das liegt wohl daran, dass er selber 4 Töchter hat. Eine von ihnen kommt bald nach Afghanistan, eine andere arbeitet für die Vereinten Nationen im Irak....Tom kennt Afghanistan, wie glaube ich kein anderer Ausländer hier im Land. Seit 30 Jahren reist er nach Afghanistan, seit 15 Jahren lebt er hier. Papa Tom ist voller positiver Energie. Er ist ein Mensch, der es liebt unter Menschen zu sein und Menschen zusammenzuführen. So organisiert er Grillparties in seinem Garten, oder Wanderausflüge in der Nähe der Stadt. Ihr könnt euch wahrscheinlich nicht vorstellen, dass man in der Nähe von Kabul wandern kann, aber es gibt hier nette Ecken, die sicher und nicht vermint sind. Die Gegend ist sogar so sicher, dass eine ganze Gruppe junger amerikanischer Lehrer der Kabul International School - die normalerweise unglaublich strenge Sicherheitsauflagen haben - Erlaubnis bekam, mit uns zu gehen. An dem kleinen Hügel and dem wir wanderten, leben die Kuchi Normaden, ein ruhiges und sehr emanzipiertes Völkchen. Die Frauen verschleiern sich nicht mit der Burka, wie es in Afghanistan auf dem Land häufig üblich ist. Das Bergchen, das wir bestiegen ist keine 20 Minuten von der Stadt entfernt und doch scheint man in einer anderen Welt zu sein. Die Kuchis leben in Zelten und sie züchten Kamele und Esel. Die Mädchen rennen lachend auf den Felder rum und machen Purzelbäume...Es war ein wunderschöner Nachmittag!
In den letzten Wochen ist Kabul zu meinem Zuhause geworden, ein Zuhause in dem ich mich sehr wohl fühle!! In Kabul kann man ein sehr bequemes Leben führen. Es gibt nette Cafés, grüne Parks, gutes Essen und unschlagbar freundliche und interessante Menschen. Klingt fast nach einem Touristenparadies ;). Leider ist Kabul eine grosse Ausnahme im Land und leider leben selbst in Kabul sehr viele Menschen in bitterer Armut... Mehr darüber möchte ich euch das nächste Mal berichten. Doch jetzt meine Freunde ist es an der Zeit, schlafen zu gehen. Schau bakheyr - Gute Nacht!