19. Juni 2010 - Fliegen ist nicht immer einfach.... |
Natürlich beginnt meine erste Reise in Afghanistan mit einem Chaos, wie hätte es auch anders sein können. Das liegt nicht daran, dass Carol, ich und ein paar Freunde in der Vornacht bei mir zuhause noch eine Abschiedsparty für Carol geschmissen haben und es ziemlich spät wurde. Allerdings ist dies der Grund dafür, dass mein Wecker heute um 5 Uhr morgens klingelt, denn ich habe am Vorabend weder gepackt noch das Chaos in der Küche aufgeräumt… Also eine Stunde Vollgas, ein paar Sachen in den Rucksack stopfen, Teller spülen und natürlich meinen Kreislauf mit 3 Tassen starken Kaffee auf Vordermann bringen.
Pünktlich um 6 steht mein Fahrer vor der Tür und ich bin beeindruckt, da er sich meine SMS vom Vorabend, - er möge doch bitte bitte bitte pünktlich sein - tatsächlich zu Herzen genommen hat. Wäre dies nicht Afghanistan, hätte ich ihn dafür abgeknutscht…. Noch wundere ich mich nicht, dass wir uns auf dem Weg zum internationalen Flughafen befinden, schließlich wurde mir gesagt, dass der USAID Flughafen ganz in der Nähe des normalen Flughafen sei. Doch als Amjad mein Fahrer dann vor dem internationalen Flughafen halt macht, kommt mir das ganze doch merkwürdig vor. „Amjad, USAID Airport, USAID, not the normal Airport“. „Bale, bale parwan nadora, unjas“ (ja,ja kein Problem, der ist dort drüben). Amjad begleitet mich durch die Flughalle in einen Hinterhof und dann zu einem großen bewachten Tor. Der Wächter möchte meine Flugbestätigung sehen und ich zeige sie ihm. Alles klar du kannst weitergehen. Amjad darf nicht mit rein und verabschiedet sich von mir. Ich laufe weiter etwas planlos über das Gelände und wieder ein bewachtes Tor. Höflich frage ich den Mann, ob hier die USAID Flugabfertigung ist. UN? Nein nicht UN, USAID. Bale, bale, UN. Nein nicht ja ja UN. Ich suche USAID und nicht das Terminal der Vereinten Nationen. Der Mann schaut mich verwundert an. Ok Miss, ticket please. Ich zeige ihm meine Bestätigung von USAID. Schweigen. Dann fragt er wieder: UN? Neeeei. Nooooooooo. Ein weiterer Afghane der ebenfalls für die UN zu arbeiten scheint, kommt hinzu. Oh, hier bist du falsch. Das ist ein anderer Flughafen. Am besten nimmst du ein Taxi und fährst dort hin, zum laufen ist es zu weit. Arrrg. Mein Fahrer ist natürlich schon längst wieder unterwegs nach Kabul, mit öffentlichen Taxis darf ich aus Sicherheitsgründen nicht fahren. Habt ihr vielleicht einen Fahrer, der mich dort hin bringen könnte, frage ich ihn hoffnungsvoll? Der Mann schaut mich verwundert an, nimmt dann aber sein Walki Talki und 5 Min später steht ein Auto der Vereinten Nationen da. Ich bin erleichtert und steige ein. Nach 5 Minuten sind wir an einem anderen Tor, an dem es von ausländischem Militär nur so wimmelt. Ich bedanke mich bei dem Fahrer und er fährt davon. Am Tor sind zwei holländische Soldaten mit riesigen Maschienengewehren. „ID Card please“ sagen sie trocken. Ich lege ihnen meinen Pass hin. „Other ID card“ sagen sie noch trockener. Ahhh natürlich. Sie meinen bestimmt meine ID Karte des Ministeriums. „With this one we cannot let you in“. What the f****. Ok, immer ruhig und höfliche bleiben. "What exactely do you need?", frage ich sie. „ISAF batch“. „But I have no ISAF batch, I do not belong to ISAF“. “Ok, then who is you PC?”. “PC???” What the f*** is a PC, if not your computer??? "Your point of contact", sagt der Holländer genervt. “I don’t have a point of contact at least I am not aware of that”. “Well then we cannot let you in” sagt er unfreundlich und dreht sich um. „But Sir, please. Is his the terminal where USAID departs?“ „I am not the flight information“. Arrrrg. Am liebsten hätte ich diesen Holländer erwürgt. “I know sir, but could you please be so kind and help me. I really need your help. Please!!!”. Der Holländer beachtet mich nicht weiter und ich stehe da wie ein Häufchen Elend. Auf einmal fährt ein Auto an und durch die Scheibe sehe ich, dass es das deutsche Militär ist. Ich springe vor das Auto und denke im gleichen Moment, dass es ganz bestimmt nicht gut ist, das Militär so zu erschrecken….. Die deutschen Soldaten schauen mich verwirrt an und scheinen sich nicht ganz im Klaren darüber zu sein, was sie tun sollen. Schließlich lassen sie die Fensterscheibe herunter. „Könnt ihr mir helfen?? Wisst ihr ob hier die USAID Flüge abfliegen?“, frage ich aufgeregt. Die Deutschen schmunzeln. "Nein, hier ganz bestimmt nicht. Hier fliegen nur ISAF Flugzeuge ab." Na wunderbar, ich bin am Militärflughafen gelandet. Hat in diesem Land eigentlich irgendjemand ein Plan von irgendwas?!? Weder mein Fahrer, noch der Mann am ersten Gate, geschweige denn die Angestellten der UN.… "Wisst ihr vielleicht wo USAID abfliegt??" Einer der Männer nimmt sein Walki Talki und versucht eine Auskunft einzuholen. Nachdem das Gespräch beendet ist fragt er mich, ob ich vielleicht Embassy Air meine. "Mh.... Embassy Air. Ja ich glaube das steht auch auf meinem Ticket, unter USAID". Ich zeige es ihm. "Ja, das sind die Flugzeuge der amerikanischen Botschaft. Aber das Terminal ist etwa 15 min Fußweg von hier entfernt". Schon wieder arrrg. Mittlerweile ist es kurz nach 7. Um 7.30 geht der Flieger, sei es nun mit USAID oder mit der amerikanischen Botschaft. Mir ist zum heulen zumute und die Deutschen sehen es mir an. "Sollen wir dich dort hinbringen," fragen sie freundlich? "Jaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa." :). Ich steige ein und wir brettern die Strasse mit einem Affenzahn hinunter. Wieder ein großes bewachtes Tor. “Embassy Air or USAID”, frage ich den Guard. "Yes Miss. Which flight?" "Bamiyan". Der Guard schaut verwundert auf die Uhr. "You are late
Erleichtert winke ich den Deutschen zu und auch sie scheinen erleichtert zu sein. Das deutsches Häufchen Elend vor dem ISAF Flughafen scheint sie etwas irritiert zu haben. Kurz später kommt ein Auto angefahren und bringt mich zum check-in und keine 2 Minuten später sitze ich in der kleinen Wartehalle, ein einfacher Militärcontainer in dem ein paar ältere Schlipsträger sitzen. Bis um 08.15 passiert gar nichts. Dann kommt ein Pilot in den Container und ruft „Miss Katharina?“. Hoooray, das bin ich. Ich springe auf und folge dem Mann zu einem winzigen Flugzeug. "Ok, you can take a seat now". „Am I the only passenger??, frage ich irritiert. „Yes you are“. So langsam frage ich mich, ob ich am Vorabend nicht vielleicht doch zu viel getrunken habe…. Ich steige ein und der Pilot trägt ein paar Taschen ins Flugzeug. Dies ist wohl er ein Transport- als ein Passagierflug…. Ich schnalle mich an und der Pilot erklärt mir die Sicherheitsvorkehrungen im Flugzeug. Dann kommt noch ein Copilot hinzu und wir rollen los, vorbei an unzähligen Flugzeugen der US Airforce. Scheinbar fliegen diese nicht vom ISAF Terminal ab. In Afghanistan sind Militär, Diplomatie und Entwicklungshilfe unglaublich eng miteinander verknüpft. Daher auch die Verwirrung, USAID die staatliche Entwicklungsorganisation und die US Botschaft teilen sich die gleichen Flugzeuge und diese wiederum teilen sich ein Terminal mit der US Airforce….
Dann fliegen wir los, das kleine Flugzeug wackelt und ich schaue den Piloten zu, wie sie an allen möglichen Knöpfen rumdrehen. OK, am besten mache ich jetzt einfach die Augen zu und stelle mir vor ich liege in meinem Bett und träume. Leider klappt es nicht und ich sehe die scharfen Berggipfel über die wir hinweg fliegen. 30 Minuten später landen wir. So viel Ärger für so einen kurzen Flug? Mhhh, nein. So viel Ärger dafür, dass ich nicht 10 Stunden auf Holperpisten durch Talibanistan fahren muss und sicher und gesund in Bamiyan ankomme. Ich sollte mich freuen und dankbar sein! Dies fällt mir dann auch gar nicht mehr schwer, als ich aus dem Flugzeug aussteige, die vielen Berge und Bäume um mich herum sehe und erstmals seit zwei Monaten wieder Luft einatme, die frischer ist als eine Zigarette. Frische Bergluft – eine Wohltat. Ich atme tief ein und vergessen ist aller Ärger. Der Flughafen in Bamiyan besteht einfach nur aus einer Landebahn die noch nicht einmal eingezäunt ist. Kein Stacheldraht, kein Militär, keine dicken Betonmauern die Bombenanschläge abdämpfen sollen. Einfach nur eine Holperpiste, die für jedermann zugänglich ist.... Dann springt mir auch schon Naim auf der Rollbahn entgegen, mein einziger Kollege aus Bamiyan, den ich in Kabul bereits kennen gelernt habe. Heeeeeeeey Katharina-jan. Khosh Amadid (welcome). "How was your flight? Did everything work out well? ""Mh yes - everything was perfect", antworte ich mit einem breiten Grinsen im Gesicht.