17 - 22 Juni 2010 - Im Herzen von Hazarajat |
Schon von weitem sehe ich sie, die tiefen Einkerbungen in den schroffen Felswänden. Hier standen sie einst, die größten stehenden Buddha Statuen der Welt. Stolz überblickten sie über eineinhalbtausend Jahre lang das Tal, bis sie 2001 der Zerstörungswut der Taliban zum Opfer fielen. Im März 2001 feuerten die Taliban tagelang Raketen auf die Buddhas ab, dann legten und detonierten sie Bomben bis sie vollends zerstört waren.
Als ich diese auffallenden Lücken im Herzen Afghanistans sehe, läuft es mir kalt den Rücken runter. Ich habe das Gefühl an einem Ort zu sein, an dem Geschichte geschrieben wird, eine Geschichte von der keiner so recht weiß, wie sie ausgehen wird. In diesem kleinen Dorf, im Herzen des zentralafghanischen Hochlands, kam es zum großen Clash der Zivilisationen. Dieser begann nicht erst am 11. September in New York, er brodelte schon lange im Untergrund. Bamiyan war Teil einer Kette verschiedener Ereignisse, die schließlich mit dem 11. September endeten – oder begannen. Was hier geschah hat die Welt verändert.
Die Buddhas von Bamiyan wurden im März 2001, auf Anordnung von Mullah Omar, Führer der Taliban und Schwiegervater von Osama Bin Laden zerstört. In Bamiyan griffen die Steinzeitfundamentalisten nicht das Herz der Globalisierung und des Kapitalismus, sondern das Herz der Spiritualität und der Individualität an.
Die Buddhas von Bamiyan waren ein Symbol der Freiheit des afghanischen Volkes, insbesondere der Hazaras, die ethnische Minderheit, die diese abgeschiedenen Region im zentralen Hochland, genannt auch Hazarajat – die Hochburg der Hazaras, bevölkert. Einst blühte hier im Tal der Buddhismus, dann lebten die Hazaras als schiitische Muslime Jahrhunderte lang stolz unter dem starren Blick der Buddha Statuen. Als Schiiten, in einem überwältigend sunnitisch-muslimischen Land, wurden die Hazaras jedoch lange Zeit zu Außenseitern gebrandmarkt und von der Taliban schwer unterdrückt. Die Zerstörung der Buddhas war auch eine Machtdemonstration gegenüber dem Volk von Hazarajat.
In den Höhlen rund um die Buddha Statuen, hausten früher einmal mehrere tausende buddhistische Mönche und Pilger. Auch heute gibt es in der Provinz Bamiyan noch Menschen, die abgeschieden in Höhlen leben. Allerdings wohl eher aus finanziellen, nicht aus spirituellen Gründen. Bamiyan ist eine der ärmsten Provinzen des Landes, die Abgeschiedenheit und die jahrelange Vernachlässigung der Region unter der Taliban, haben der Region wirtschaftlich schwer zugesetzt. Trotz der gravierenden Armut, erhält Bamiyan jedoch nur einen Bruchteil der Hilfsgelder, die den Regionen im unruhigen Süden und den Provinzen entlang der Grenze zu Pakistan zugeteilt werden.
Entwicklungsgelder sind in Afghanistan meist an politische und militärische Ziele gekoppelt und die Geberländer konzentrieren sich auf die Gebiete, in denen intensiv gekämpft wird und in denen das eigene Militär stationiert ist. Am Stadtrand von Bamiyan gibt es zwar auch einen ISAF Stützpunkt, doch hier in der Provinz wird nicht gekämpft.
Bamiyan ist nicht nur eine der ärmsten, sondern zugleich auch eine der sichersten Provinzen des Landes. Seit 2001, ist hier so etwas wie ein Frieden eingekehrt und das, wenngleich die zerstörten Buddha Statuen immer wieder schmerzhaft an die Zerstörungswut der Taliban erinnern, wenngleich die alten sowjetischen Panzer auf den Feldern, immer wieder verdeutlichen, dass in Afghanistan ein Übel meist nur durch ein anderes Übel ersetzt wird.
Für die meisten Afghanen ist auch die derzeitige Regierung unter Karsai ein Albtraum. Noch nicht einmal 10% der afghanischen Bevölkerung, sind der Regierung gegenüber positiv eingestellt. Die Taliban hat zwar sicherlich noch weniger Anhänger und doch ist dies eine erschreckende Zahl. Ich habe mich schon oft gefragt, ob man für solch eine Regierung denn überhaupt arbeiten sollte, denn die Regierung ist Gruselkabinett. Die Ministerien sind durch und durch korrumpiert oder schlicht und ergreifend unfähig. Die Polizei besteht zum größten Teil aus Analphabeten und ist in vielen Gebieten des Landes, selber in kriminelle Machenschaften, einschließlich Entführungen, Waffenhandel und den Drogenschmuggel, verstrickt. Das Parlament besteht zu einem beträchtlichen Teil aus Kriegsverbrechern. Präsidenten-Bruder Ahmad Wali Karsai ist Gouverneur der Provinz Kandahar und zugleich eine wichtige Figur im Drogenhandel. Dies ist der Kontext in dem wir hier in Afghanistan leben und es ist der Kontext in dem ich und meine Kollegen arbeiten. Wir arbeiten für und mit dieser Regierung. Und es liegt an uns, diesen Kontext zu ändern, es liegt an uns daran zu arbeiten, dass die Dinge sich bessern. Ganz bestimmt sollten wir mit dieser Regierung zusammenarbeiten, denn außer dieser Regierung, gibt es für Afghanistan derzeit keine Alternativen. Diese Regierung darf nicht gestürzt, sondern muss transformiert werden, wenn in diesem Land nicht noch mehr Blut vergossen werden soll.
Wenngleich die Lebensbedingungen für die Hazaras noch immer schwierig sind, in Hazarajat will man unter keinen Umständen die Taliban zurück und auch den Menschen hier ist bewusst, dass die derzeitige Regierung die einzige Option ist. Die pragmatische Akzeptanz unter der lokalen Bevölkerung, macht die Provinz für uns zu einem sicheren Ort zum arbeiten, denn Akzeptanz ist die wirkungsvollste Sicherheitsvorkehrung die es gibt.
In Kabul versuchen heute fast alle Organisationen „low profile“ zu bleiben. Bloß keine Schilder an den Büros, am besten keine bewaffneten Guards vor der Tür. In Kabul versuchen alle sich irgendwo im Getümmel der Menschenmassen zu verstecken. In Bamiyan dagegen scheint sich schlicht und ergreifend keiner Sorgen zu machen, zumindest nicht darüber, wo die nächste Bombe explodieren wird. Eher wohl darüber, wie man am Abend etwas zu Essen auf den Tisch bringt. Die Menschen hier in Bamiyan leider sehr viel mehr unter der Armut, als unter dem Konflikt an sich.
Der Dalai Lama sagte einmal „peace in the sense of absence of war, is of little value to someone who is dying of hunger…“. An diesen Satz muss ich in Bamiyan häufig denken. Bamiyan, die Provinzhauptstadt der gleichnamigen Provinz Bamiyan ist zwar noch relative gut gestellt, doch im Umland, in den vielen entlegenen Dörfern, die im Winter vollkommen abgeschnitten sind, sieht man den Menschen die Unterernährung und das harte Leben an. Die Lebenserwartung in Afghanistan beträgt gerade einmal rund 45 Jahre, ein Viertel der Kinder erreichen ihr 5. Lebensjahr nicht. Strom gibt es auch in der Provinzhauptstadt Bamiyan bis heute nicht und sauberes Trinkwasser, nur dank des Flusses, der durch das Dorf fließt. Und doch, die Menschen hier wollen etwas verändern. In Zelten unterrichten sie ihre kleinen Töchter und mit wenigen Mitteln haben sie in dem 400-Seelen Dorf, eine kleine Universität errichtet. Hier werden die Lehrer für die Dorfschulen, Ärzte und Landwirte ausgebildet.
Unser Team von AREDP versucht hier in der Provinz Kleinunternehmer, insbesondere Kleinbauern dabei zu unterstützen, ihre Wirtschaftskraft zu stärken um so ihre eigenen Existenzen zu sichern und weitere Arbeitsplätze zu schaffen. AREDP soll in den nächsten 5 Jahren das Leben von rund 2 Millionen Menschen auf dem Land verbessern. Ein ambitioniertes Vorhaben!
Ohne Kapital können sich die Menschen hier nur schwer aus der Armut befreien, daher sind verschiedene Kleinkreditprogramme ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeit. Klein- und Mittelständische Unternehmen versuchen wir mit Mikrofinanzinstituten zu verlinken, Einzelunternehmer und Privatpersonen führen wir in so genannten Village Loans and Savings Groups zusammen. Eine Loan and Saving Group ist im Grunde wie eine eigene kleine Dorfbank. Alle Mitglieder der Loan und Saving Group sparen jede Woche ein paar Afghanis und das Geld wird gemeinsam verwaltet. Wenn genügend Geld in der Kasse ist, können die einzelnen Mitglieder einen Antrag stellen, einen Kredit aus dem Fond zu erhalten. Gemeinsam wird gespart und abwechselnd erhalten die Mitglieder die Möglichkeit eine notwenige Investition zu tätigen, zum Beispiel eine Nähmaschine zu kaufen, oder Bienen um Honig zu produzieren. AREDP plant im ganzen Land 13.000 solcher VSLAs aufzumachen. Jede VSLA erhält von AREDP einen so genannten Village Facilitator, der den Menschen hilft den Fond zu verwalten.
Vor meiner Reise nach Bamiyan, habe ich in einem Vakuum gelebt und gearbeitet. Das was dort draußen - außerhalb der „Kabul Bubble“ vor sich ging, konnte ich mir nur vage vorstellen. Heute weiss ich, wofür ich arbeite und dies ist die beste Motivation die es gibt. Es gibt Momente hier in Afghanistan, da ist das Leben ganz schön anstrengend. Es gibt Momente die sind frustrierend, einsam und beängstigend. Doch es gibt Momente, die all das wieder gut machen!
Ronald Reagon sagt einmal, die Armut sei eine Karriere für viele gut bezahlte Menschen. Dem ist wohl wirklich so, doch auf unser Team trifft das nicht zu. Wir bei AREDP sind bescheiden, wenngleich das Geld von der Weltbank kommt. Unsere ganze Delegation aus Kabul teilt sich hier in Bamiyan das einzige Gästezimmer unseres Büros, zu sechst schlafen sie in dem kleinen Zimmer auf Kissen am Fußboden. Ich als Frau bekomme natürlich ein gesondertes Zimmer, das Büro in dem die Computer stehen die tagsüber, wenn wir für ein paar Stunden über den Generator mal Strom haben, dann sogar tatsächlich funktionieren. Die Putzfrauen und die Köchin schauen mir ganz verwundert beim Tippen zu. Eine Frau, die einen Computer benutzt, das haben sie noch nicht oft gesehen glaube ich und immer wieder fragen sie mich, ob meine Finger denn nicht schmerzen wenn ich so schnell tippe :)
In der ersten Nacht fragen meine Kollegen mich bestimmt fünf Mal, ob ich mich alleine in dem Zimmer im Dunkeln denn nicht fürchte. Dies ist keine dumme Anmache, sondern ernsthafte Besorgnis. Erst nachdem ich ihnen auch jedes Mal wieder versichere, dass ich ganz bestimmt gut schlafen werde und ich in Kabul auch allein in einem Zimmer ohne Angst schlafe, sind sie beruhigt. Alleine in einem Zimmer zu schlafen ist für die meisten Afghanen eine merkwürdige Vorstellung. Afghanen leben normalerweise mit ihren Familien auf engstem Raum zusammen, dann heiraten sie und teilen sich mit dem Ehepartner ein Zimmer. So etwas wie eine Privatsphäre gibt es innerhalb einer Familie nicht. Mich selber bringt das zum lachen. Ich lebe in Afghanistan und meine Kollegen sorgen sich darum, dass ich alleine im Dunkeln Angst habe…
Rechts: Eine lustige Couch Surfing Begegnung im entlegenen Bamiyan. Simon lebt bereits seit mehr als 1 1/2 Jahren in klein Bamiyan und freut sich über jeden CSurfer, der ihn besuchen kommt. Viele sind es derzeit nicht.....
2 Stunden Autofahrt von Bamiyan Stadt entfernt, liegt der Bande Amir, Afghanistans einziger Nationalpark. In ihm befinden sich die verschiedenen farbenprächtigen Terrassenseen von Bande Amir. Die Landschaft ist atemberaubend schön.
Kein Wunder, das schon in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren der Tourismus hier boomte, insbesondere als die Hippie Generation auf dem Hippie Trail nach Indien reiste und unterwegs die unberührte Natur in Afghanistan entdeckte. Ich kann sie bildlich vor mir sehen, wie sie hier einst am Seeufer ein Lagerfeuer machten, Gitarre spielten, Joints rauchten, sich nachts in ihre Schlafsäcke kuschelten und am nächsten Morgen nackt im See schwimmen gingen. Nicht so wie ich als anständige äh „Nicht-Muslimin“ in einem muslimischen Land, natürlich in voller Montur begleitet. Nicht ganz eine Burkini, mein Outfit aber auch nicht so schlecht :)
Afghanistan ist manchmal einfach durch und durch bizarr. Dass ich irgendwann einmal in meinem Leben in einem See in Afghanistan schwimmen würde, ok, das hätte man sich ja vielleicht schon irgendwie vorstellen können - - grins - - . Doch das britische Militär, eine Einheit der Regionalen Wiederaufbauteams, kreischend, grölend und lachend mit einem Ghetto Blaster im kristallklaren türkisfarbenen Bande Amir See, der eben so gut hätte die Karibik sein können – das übertrifft jede Vorstellungskraft. Leider habe ich keine Fotos von den Soldaten, die mal eben ihre Uniform ablegten um in Unterwäsche in den See zu hüpfen...Afghanistan bringt mich wirklich immer wieder zum Staunen….
In der Nähe von Bamiyan liegen auch die Ruinen der Stadt Zohak, einst eine blühenden Stadt Zentralasiens, für deren Einnahme selbst Dschingis Khan lange Zeit benötigte. Die Bewohner der Stadt Zohak konnten aufgrund des unterirdischen gelegten Wasser- und Kanalisationssystems lange Zeit gegen seine Truppen Widerstand leisten, bis ihr System entdeckt und ihre Wasserversorgung abgeschnitten wurde. Die völlig zerstörte Stadt Zohak wurde danach in "Schahre Gholghola" (heulende Stadt) umgetauft.
Nach knapp einer Woche im Hinterland von Afghanistan, ist es ein merkwürdiges Gefühl, nach Kabul zurückzukehren. Kabul erscheint mir auf einmal wie die modernste Metropole :)