16 April 2010 - Freitag - Mein erster freier Tag in Afghanistan

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Der Tag Freitag ist in Afghanistan tatsächlich ein freier Tag – allerdings auch der einzig freie Tag der Woche. Und wie verbringt man solch einen Tag, an dem man nicht arbeiten muss? Natürlich mit Ausschlafen und mit Sightseeing. Ausschlafen bedeutet in Afghanistan, sich vom Gebetsaufruf des Muezzins nicht aufwecken zu lassen, sondern ihn irgendwie in den Traum den man gerade hat mit einzubauen und dann erst um 07.30 und nicht um 6.00 Uhr morgens, wie gewöhnlich aus dem Schlaf zu erwachen. So gegen elf steht dann auch schon Carol-jan fröhlich vor meinem Gästehaus, denn es ist ein wunderschöner Tag. In der Vornacht hatte es geregnet, was in Kabul nicht sonderlich häufig passiert und der Regen hatte die dicke Dunstsmog Wolke, welche gewöhnlich über der Stadt hängt, ein wenig gelöst. Carol-jan und ich haben uns vom ersten Tag an super verstanden. Sie ist nur 2 Jahre älter wie ich und hat in ihrem Leben schon einiges erreicht. Nach nur 4 Monaten in Afghanistan spricht sie fließend Dari (der persische Dialekt der in Afghanistan gesprochen wird) – was mir natürlich viel Anreiz gibt, fleißig die Sprache zu lernen und in der Tat, nach einer Woche habe auch ich schon die ersten Fortschritte gemacht. Ende Juni wird Carol-jan leider in die USA zurückkehren, denn sie hat vor kurzem eine Zusage für Harvard bekommen und wird in Harvard an ihrer Doktorarbeit schreiben.

 

Der Plan des heutigen Tages: Kabuls legendäre Skatehalle besuchen, in der an jenem Tag ein größerer  Event stattfinden soll. Dieser Plan wird dann jedoch noch einmal kurzfristig über den Haufen geschmissen, als Najibullah (der Tourguide von Global Exchange) im Gästehaus aufkreuzt um Nancy, Steve und Redmond abzuholen. Nancy, Steven und Redmond sind ein verrücktes Gespann. Nancy ist schon 70 Jahre alt, Amerikanerin und hat fast 20 Jahre lang für PeaceCorps gearbeitet. Seitdem sie in Rente ist, reist sie durch die Welt und wie sie selber sagt: Sie blüht mit jedem Tag mehr auf und fühlt sich jeden Tag ein Stück jünger und freier. Sie hat die letzten 2 Monate in Kabul verbracht, hat hier ein wenig Englisch unterrichtet aber hat die meiste Zeit damit verbracht, sich die Stadt und die Umgebung anzusehen. Eine umwerfende und inspirierende Frau! Steven und Redmond sind erst vor kurzem hier eingetroffen. Steven ist Redmonds Sohn. Er studiert Geschichte und schreibt gerade an einer Dissertation über die Beziehungen zwischen den USA und Russland. Afghanistan ist daher von besonderem Interesse für ihn und so hat er beschlossen für zwei Wochen nach Kabul zu reisen. Tja und  Vater Redmond hat kurzerhand beschlossen ihn zu begleiten - wahrscheinlich gar keine schlechte Idee, denn wäre Redmond nicht hier würde Steven wahrscheinlich in kurzen Hosen durch Kabul spazieren und alle Afghanen „hey Abdullah“ nennen…. ;) Nicht böse gemeint, aber Steven ist einfach so ein richtiger Stereotyp Amerikaner.

 

 

Najibullah läd Carol-jan und mich ein, mit ihnen zu einem Buzkashi Spiel zu fahren. Buzkashi ist Afghanistans Nationalsport, eigentlich kein Sport für Tierliebhaber, zu denen ich mich auch zähle. Bozkashi ist ein Reiterspiel und das Ziel des Spieles besteht darin, eine Ziege vom Boden aufzuheben, sie mit dem Pferd quer über den Platz zu tragen und sie in einen weißen Kreis, der auf dem Platz aufgezeichnet ist, zu legen. Der Reiter, dem das gelingt, der erhält eine ordentliche Prämie. Wenngleich das Spiel heute mit einer toten Ziege gespielt wird, ist dies kein leichtes Unterfangen, denn auf dem Feld sind gut 40 verschiedene Reiter, die sich um die gleiche tote Ziege rangeln. Das ganze sieht dann ungefähr so aus.

 

 

Das Buskashi Spiel wird auf einem Gelände, das Präsident Karzai gehört ausgetragen und wird vom Vizepräsident Qasim Fahim organisiert – ein Grund genug für mich, dass Spiel zu besuchen, denn der berüchtigte Kriegsherr Fahim wird nur allzu oft in meiner Masterarbeit erwähnt. Genauer gesagt, eine Kontroverse um ihn, ist sogar die Einleitung zu meinem gesamten Forschungsprojekt. Der Mann hat unglaublich viel Dreck am Stecken, wird aber bis heute noch sowohl von der Karzai Regierung wie auch vom Westen unterstützt. Und in der Tat, auch „der Westen“ ist an jenem Tag anwesend. Mitten während des Spiels, sehen wir eine riesige Kolonne weißer Jeeps mit UN Aufdruck anfahren. Sie fahren mitten über das Buskashi Spielfeld und verschwinden hinter einem Haus. Wir scherzen noch kurz, dass die Vereinten Nationen kommen um die Ziege zu retten.

 

 

Dann sehen wir einen Haufen Ausländer, die sich in dem gleichen Gebäude verschanzen, in dem auch Fahim ist. Es sind die Diplomaten der amerikanischen Botschaft und einige hochrangige UN Mitarbeiter. Irgendwie merkwürdig aber es erklärt das enorme Sicherheitsaufgebot bei der Sportveranstaltung. Es folgt eine Durchsage auf Dari, in der man sich für den Besuch der Ausländer bedankt. Wir selber sitzen zusammen mit dem „normalen Volk“ auf der Tribüne, auf der man uns freudig empfängt und uns sofort höflich die besten Plätze anbietet.

 

 

Immer wieder wundere ich mich über die Herzlichkeit, die man uns in dem kriegsgebeutelten Land entgegenbringt. Almani bisiar kbub as – Deutschland ist sehr gut. Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Satz in Afghanistan schon gehört habe. Safi – ein Afghane der für die NGO die mein Gästehaus betreibt arbeitet, schwärmt mir jeden Tag aufs Neue von Deutschland vor. Noch zu Taliban Zeiten hatte er eine schwere Entzündung im Bein und die Ärzte hier in Kabul wollten sein Bein amputieren. Eine Deutsche NGO hat ihn nach Deutschland gebracht, dort verbrachte er etwa 3 Monate und wurde etwa zwanzig Mal operiert. Heute läuft er wieder und erzählt mir jeden Tag aufs Neue überglücklich davon, wie die Deutschen sein Leben für immer verändert haben, wie sie sich rührend jeden Tag um ihn gekümmert haben. Er selber erzählt die Geschichte so rührend, dass mir eine Träne die Wange hinunterkullert und Safi mich verschreckt fragt, ob ich wegen der Geschichte Heimweh bekommen hätte. Afghanistan ist eine Achterbahn der Gefühle.

 

Nach einer Stunde brechen wir auf um noch vor dem ganzen Rummel das Spielfeld zu verlassen. Von hier aus fahren wir auf einen Hügel im Nordwesten von Kabul um hier Drachen fliegen zu lassen. Ich weiß nicht, wie viele Drachen den Himmel von Kabul an einem Freitag schmücken, aber es müssen einige Hunderte wenn nicht sogar Tausende sein. Sogar Drachenfliegen war zu Zeiten der Taliban verboten….

 

 

Noch mehr Bilder von Kabul gibts in der Bildergalerie!!!