14 Juni 2010 - Schon wieder ein Monat vorbei

Tagebuch >>

Die Zeit vergeht ganz eindeutig zu schnell oder ich bin einfach viel zu beschäftigt, denn nun bin ich tatsächlich schon seit über 2 Monaten hier. Mit Schrecken habe ich festgestellt, dass ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr auf meine Blog gepostet habe. Zu aller erst mal, es geht mir gut. Es geht mir sogar sehr gut.

 

Vor kurzem bin ich umgezogen und wohne nun in einem wunderschönen alten, aber frisch renovierten Haus, mit einem riesigen Garten. Derzeit leben hier noch zwei Amerikanerinnen (Fobs und Jenny) und einem Kanadier (Keith). Das Haus ist ein kleines Paradies. Wir haben ein schönes Wohnzimmer mit Sofas und bald bekommt unser Fernseher auch noch einen Satellitenanschluss. Hooray! Doch wer braucht schon einen Fernseher, wenn es auch noch eine riesige Badewanne, einen Wintergarten mit orientalischen Sitzkissen und gigantischem Ausblick auf die alten Stadtmauern, Internet und einem Kühlschrank voller Leckerein gibt.

 

 

 

 

 

Jenny, Fobs und Keith sind alle etwas älter wie ich, doch wir verstehen uns prächtig. Jenny und Keith arbeiten beide für die Aga Khan Foundation und diese hat uns noch einen zweiten Guard gesponsert, der das Haus rund um die Uhr bewacht. Hier im Haus verpflegen wir uns selbst. Juchuu, endlich wieder kochen :-) In manchen Supermärkten hier in Kabul gibt es einfach alles zu kaufen, genauso wie in Deutschland. Von thailändischem Curry, über Shrimps, Schokolade, Schweizer Müsli,  Feta Käse bis hin zu mexikanischen Tortillas, es gibt einfach alles. Naja, fast alles. Alkohol gibt es hier in den Supermärkten nicht. Zumindest nicht legal.

 

Kurz nachdem ich in Kabul angekommen bin, wurden bei Polizei Razzien, riesige Kontingente an Alkohol konfisziert, mehrere Bars und Restaurants geschlossen und Restaurantmitarbeiter verhaftet. Einige Restaurants schenken aber noch immer oder auch schon wieder Alkohol aus und auch auf dem Schwarzmarkt kann man ihn natürlich noch immer erwerben. Doch die Preise sind heftig. Eine Flasche Rotwein kostet rund $20, eine Flasche Whisky sogar rund $60. Täglicher Alkoholkonsum ist da nicht drin :-) Es sei denn, man hat Beziehungen zu ISAF – zum Militär, denn dann kann man im Warehaus, in der Militärkaserne einkaufen. Zum Glück kenne ich mittlerweile ein paar Leute bei ISAF. Ganz einfach lernt man Soldaten in Kabul nicht kennen, denn sie sind zivil außerhalb der Kaserne nur sehr selten unterwegs. Deutschen Soldaten haben überhaupt keinen Ausgang… Kein Wunder, dass sie in der Kaserne gerne mal einen über den Durst trinken, das muss echt ein ganz schön deprimierendes Leben sein.

 

Egal wo und wie man seinen Alkohol in Kabul besorgt, beim Alkoholkauf sollte man vorsichtig sein. Seitdem sich die Beziehungen zwischen Karzai und dem Westen verschlechtert haben, ist die Polizei hier ziemlich streng geworden. Ich habe Glück für die afghanische Regierung zu arbeiten, denn unsere Autos durchsucht die Polizei für gewöhnlich nicht und so eignen sie sich wunderbar zum Alkohol Hunting :-) Ich weiß, es gehört sich nicht Regierungssachgüter so zu zweckentfremden und ich will auch gar nicht daran denken, wie viele Regierungsautos für noch viel üblere Geschäfte missbraucht werden. Doch dies ist nun mal Kabul, so funktionieren die Dinge hier.

 

Kürzlich hat mich ein Polizist auf dem Nachhauseweg rund 45 min festgehalten, weil ich vergessen hatte meinen Ausweis mit mir zu führen. Gewöhnlich wenn ich mich nicht ausweisen kann, machen die Polizisten meist nur kurz eine ernste Miene. Ein paar Worte auf Dari, ein entschuldigendes Lächeln und bloß keine westliche Arroganz – dann darf man aber meistens auch wieder weiterfahren. Es sei denn, man gerät gerade an King Kong. King Kong ist der übelste Polizist in der Stadt. Er läuft wie ein Affe, leidet unter seiner sexuellen Enthaltsamkeit und genießt seine Vormachtstellung. Da hilft nur eins, Vetternwirtschaft! Wenn man in Afghanistan Probleme hat, ruft man am besten irgendjemanden Wichtigen an. Am besten einen MP – einen Parlamentsabgeordneten. Ein MP ist ein Freifahrschein in diesem Land. Dieses System läuft mir zwar zuwider und doch habe ich keine Lust noch eine weitere Stunde mit King Kong zu verbringen. King Kong nervt. King Kong ist ein Vollmacho. Also doch lieber der MP. Der MP hilft mir und ich kann gehen. Mein Fahrer ist noch immer etwas stinkig auf mich, weil ich wieder mal keinen Ausweis dabei hatte, aber immer wenn ich King Kong nachspiele, muss auch er lachen.

 

Ohne Beziehungen, ohne Vetternwirtschaft kommt man in Afghanistan nicht weit. Es ist frustrierend. Wenn wir vakante Stellen im Ministerium haben, schicken uns alle möglichen einflussreichen Afghanen, Bewerbungen von ihren Bekannten zu. Diese nicht zum Interview einzuladen bedeutet Ärger und sie nach einem Interview nicht einzustellen auch – wenngleich sie überhaupt keine Qualifikationen für die besagte Stelle haben. Zum Glück ist Javaid, mein Boss, ein kluger Mann, mit einem Geschick im Umgang mit Menschen. Er navigiert AREDP mit viel Feingefühl durch die Labyrinthe afghanische Regierung und Weltbank.  

 

In einem afghanischen Ministerium erlebt man eigenartiger Dinge. Kürzlich sind alle Fahrer des Ministeriums verschwunden und das ganze Ministerium wurde praktisch lahm gelegt (nicht, dass dies nicht ohnehin schon ständig passiert, wenn es gerade mal wieder kein Strom oder kein Internet gibt). Ohne einen eigenen Fahrer kann man sich in Kabul nur sehr schwer vorwärts bewegen. Es stellte sich heraus, dass die Fahrer seit 4 Monaten nicht mehr bezahlt wurden. Sie sind nicht direkt von der afghanischen Regierung so wie wir, sondern von einem Subunternehmer eingestellt und dieser hatte wohl kein Geld mehr oder wollte vielleicht auch einfach nicht bezahlen. Vielleicht hat dir Regierung ihn auch nicht pünktlich bezahlt, wer weiß. Oder vielleicht waren es auch die Geberländer, die ihren Versprechen und Zusagen nicht pünktlich nachgekommen sind. Wenn die Hilfsgelder hier in Afghanistan nicht wie versprochen eintreffen, dann können die Löhne auch nicht bezahlt werden. Nur etwa 20% der öffentlichen Ausgaben kann Afghanistan selber durch Steuereinnahmen aufbringen, das restliche Geld kommt aus dem Ausland….

 

Auch die Bürokratie im Ministerium verzögert und verhindert immer wieder alle möglichen Vorhaben. Sie ist zum Teil ein Erbe der Sowjetzeit, doch zum Teil ist sie auch von der Gebergemeinschaft auferlegt, um der Korruption entgegenzuwirken. Ich bin mir jedoch nicht sicher, ob diese Rechnung aufgeht. Ich selber würde hier in Afghanistan manchmal gerne Leute korrumpieren, nur um die Dinge voranzutreiben. Vielleicht ist die Konsequenz dieser Regelungen einfach nur, dass 5 Personen statt einer bestochen werden müssen.

 

Wenn wir irgendwelche Ausgaben, zum Beispiel für Dienstreisen oder auch nur für einen Kugelschreiben haben, dann brauchen wir zunächst einmal eine Genehmigung von AREDPs Finanzabteilung. Wenn diese das Ganze dann absegnet hat,  geht es weiter zu MRRD, direkt ins Entwicklungsministerium. Hier werden Dokumente noch zwei weitere Male überprüft und unterzeichnet. Und wenn das Entwicklungsministerium dann alles abgesegnet hat, dann geht es weiter ins Finanzministerium. Hier werden die Ausgaben dann noch einmal kontrolliert. Und zu letzt brauchen wir für größere Ausgaben natürlich auch noch den Segen der Weltbank. Halleluja, halleluja… 

 

Da ist es kaum verwunderlich, dass unsere Löhne nur selten pünktlich für einen Monat ausbezahlt werden. Mal gibt es ihn nach 1,5 dann aber auch erst mal nach 2,5 Monaten. Doch das Gute, das Geld existiert, es hängt nur irgendwo fest. Die Weltbank bezahlt unsere Löhne und sie kommt für gewöhnlich ihren Verpflichtungen nach. Auch ich habe meinen Lohn bisher noch nicht ausgezahlt bekommen, denn ich mus mich noch immer durch alle möglichen Formalitäten boxen - Arbeitserlaubnis, Arbeitsvisum, afghanisches Bankkonten etc. In Afghanistan dauert alles ewig.

 

Auch unsere Konferenz mit Karzai wurde nun schon zum fünften Mal verschoben. Wundern tut mich das überhaupt nicht mehr. Wenn wir irgendetwas planen gehe ich nun immer erst einmal davon aus, dass es nicht stattfinden oder zumindest verschoben wird. Damit liege ich fast immer richtig :-). Planen ist hier einfach unmöglich ….

 

Ich kann noch immer nicht glauben, dass ich Gestern Nachmittag tatsächlich meine Reisebestätigung für Bamyan erhalten habe. USAID – im Grunde die amerikanische GTZ – nimmt mich am Donnerstag mit einem Privatflugzeug mit in die Provinz. Das restliche Team ist schon vor einigen Tagen mit dem Auto vorausgefahren, doch Carol und ich dürfen als Ausländer keine Überlandsfahrten machen, das verstößt gegen die Sicherheitsbestimmungen.

 

Öffentliche Flüge gibt es zwischen Bamyan und Kabul nicht und gäbe es sie, würde sich bestimmt keiner von uns trauen, mit ihnen zu fliegen. Afghanische Fluggesellschaften sind eine heikle Angelegenheit. Erst vor zwei Wochen ist ein Flieger von Pamir Airways, mit 40 Leuten an Board, direkt über dem Salang Pass abgestürzt.

 

Zum Glück haben die verschiedenen internationalen Organisationen und anderen Agencies eigene Flugzeuge, denn dies ist in Afghanistan die einzige Möglichkeit sicher zu reisen. Ich freue mich sehr darauf das erste Mal raus in die Provinz zu fliegen, ins ländliche Afghanistan, da wo die Arbeit des Ministeriums für ländliche Entwicklung und Wiederaufbau ansetzt. Bamyan soll ein wunderschönes kleines Städtchen sein und ich freue mich sehr darauf, meine Kollegen in der Provinz endlich  kennen zulernen. Und vor allem auch darauf, einen tieferen Einblick in die Grassroots Arbeit von AREDP zu bekommen. Hier in Kabul beschäftigen wir uns hauptsächlich mit den komplexen politischen und verwaltungstechnischen Prozessen, die sich hinter der eigentlichen Arbeit verbergen, doch in den Provinzen, da soll das eigentliche Wunder vollbracht werden. Hier unterstützen wir ländliche Unternehmer dabei, ihre Geschäftsabläufe effizienter zu gestalten, Zugang zum Markt zu bekommen,  islamische Kredite von verschiedenen (Mikro-) Finanzinstituten zu erhalten oder eigene Loan & Saving Groups zu eröffnen.  Leider fliegt Carol am Donnerstag bereits nach Dubai, dann nach Israel und zurück in die USA und wird mich deswegen nicht nach Bamyan begleiten können. Schade, wir zwei zusammen, das wäre ganz bestimmt ein riesiger Spaß geworden. Ich werde Carol sehr vermissen.

 

Die letzte Woche haben wir zwei hier in Kabul noch so einiges zusammen unternommen. Wir sind zum Beispiel in Skateistan skaten gegangen. Das war ein riesiger Spaß und die kleinen Mädels sind einfach zum knuddeln süß.

 

 

Am letzten Samstag hat uns Carol alle zum essen zu ihr nach Hause eingeladen. Ich war sogar gleich zweimal eingeladen, denn sie hat Mittagessen für das ganze AREDP Team und dann auch noch Abendessen für einige unserer Expat Kumpels gekocht.