14 April 2010 - Meine ersten Tage in Kabul

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Carol-jan und Fareed-jan (jan heißt auf persisch „liebe“ oder „lieber“ und man hängt dieses jan hier nur allzu gerne hinter jeden Namen) fahren mich in mein Gästehaus. Der Verkehr in Kabul ist chaotisch, doch die Stadt ist modernen und schöner, wie ich sie mir vorgestellt hätte. Tradition und Moderne prallen in Kabul frontal aufeinander. Es gibt hier, wie im Iran, sehr modern gekleidete Menschen. Junge Männer in Lederjacken und junge Frauen mit schicken Jeans, bunten Kopftüchern, hochhackigen Schuhen und viel Schminke im Gesicht. Doch Frauen in Burka und Männer mit langen Bärten und Turbanen, bestimmen ebenso das Straßenbild.

 

Das Viertel in dem mein Gästehaus sich befindet ist ruhig. Es ist eine Wohngegend der afghanischen Mittelschicht, in dem kaum Ausländer wohnen. Das Gästehaus wird von einer afghanischen NGO geleitet, die in Afghanistan verschiedene Projekte durchführt. Zudem kooperiert die NGO mit Global Exchange, einem amerikanischen „Reality Tour Operater“, der Touren nach und in Afghanistan organisiert. Schwer vorstellbar, doch überzeugt euch selbst: www.globalexchange.org/tours/1078.html. Die Angestellten des Gästehauses sind herzlich und hilfsbereit. Abends sitzen wir zusammen im dem von hohen Mauern umzingelten Garten. Solch hohe Mauern sind in Afghanistan typisch, sie dienen nicht nur der Sicherheit sondern auch der Privatsphäre, der in Afghanistan ein hoher Stellenwert beigemessen wird. Nur einmal erlaubt mir Ali, der Manager des Gästehauses, auf die Dachterrasse zu gehen um Fotos zum machen, denn Afghanen mögen es nicht, wenn man in ihre Gärten sieht.

 

 

Das Büro von AREDP befindet sich seit einem Monat nicht mehr auf dem Gelände des Entwicklungsministeriums, sondern in einer größeren Mansion, nur 5 Minuten mit dem Auto von meinem Gästehaus entfernt. Carol-jan und einer der Fahrer von AREDP holen mich morgens, zu leider nicht ganz konkreter Zeit ab. Nicht ganz konkret, weil die meisten Fahrer in einem anderen Stadtteil leben und der unvorhersehbare Verkehr es nicht zulässt, die Zeit genau zu planen. D.h. ich muss mich darauf einstellen, dass sie irgendwann zwischen 07.15 und 08.00 bei mir vor der Tür stehen. Aber so ist das hier halt und so schlimm ist es auch nicht, da mich der Muezzin bereits pünktlich um 6 Morgen, wenn er zum Morgengebet aufruft, aus dem Schlaf holt.

 

Den ersten Tag im Büro verbringe ich damit, die vielen Namen meiner Kollegen zu lernen. Gar nicht so einfach sag ich euch und schließlich greif ich auf den altbewährten Trick, den Spickzettel zurück und schreib mir alle Namen auf ;). Im AREDP Büro sind Carol und ich derzeit die einzigen Ausländer, jedoch werden bald einige internationale Berater das Programm kurzfristig unterstützen, da die Weltbank dem Programm gerade weitere 30 Millionen Dollar zugesagt hat. Mit dem Geld soll das Projekt auf 10 weitere Provinzen ausgeweitet werden. Derzeit arbeitet AREDP hauptsächlich in den ruhigeren Provinzen des Landes, bald sollen aber die Hilfeleistungen für die Problemregionen entlang der afghanisch pakistanischen Grenze und in der Opiumprovinz Helmand intensiviert werden. Bisher arbeitet AREDP in dieser Region nur in Kooperation mit dem „Border Province Stabilization Program“ der Vereinten Nationen, ein sehr interessantes Projekt, in das ich später gerne wechseln würde, da es direkt unter die Komponente Krisenpräventation fällt, und so meinen Interessen mehr entspricht, als die rein wirtschaftlichen Komponenten.

 

Javaid Zeerak, der „Big Boss“ von AREDP, ein ruhiger aber herzlicher Mann der mich mit den Worten „You should know that we Afghans have a very deep respect for the people who come to our country to help us“ begrüsste, hat verlauten lassen, dass ich gerne selber entscheiden kann, welches Projekt und welche Komponente mir am besten gefällt. D.h. ich werde die nächsten  Wochen nun erst einmal damit verbringen, das gesamte Projektportfolio von AREDP zu studieren, bevor ich mich auf meine langfristige Arbeit festlege. Neben der Projektbezogenen Arbeit, arbeiten Carol und ich zudem, wie bereits erwähnt, an einer umfassenden Studie und haben zudem den Auftrag bekommen, eine größere Konferenz, welche in zwei Wochen stattfinden wird, vorzubereiten. Kurz und knapp: mir wird so schnell nicht langweilig hier! Heute durfte ich mit einem anderen Arbeitskollegen zusammen in Kabuls Universität fahren, um mir dort einen Vortrag des UNDP über Mikrokredite anzuhören. Darüber habe ich mich natürlich ganz besonders gefreut, da ich außer dem Flughafen, meinem Gästehaus und dem Büro, von Kabul noch fast nichts gesehen habe. Daher kann ich euch über die Stadt  bisher auch noch nicht wirklich viel erzählen – außer vielleicht, dass das Militär in manchen Gegenden sehr präsent zu sein scheint, man in anderen Gebieten (wie z.B. in dem Gebiet in dem ich wohne) nur sehr wenige Sicherheitskräfte sieht. Doch, ein wirklich schönes Bild von Kabul hat sich mir heute Nachmittag eröffnet: eine ganze Schar kleiner Schulmädels (sie waren etwa 5 oder 6 Jahre alt), alle mit weißen Kopftüchern und hellblauen UNICEF Schulranzen wurden Händchen haltend von 2 Polizisten über die Strasse geführt. Durch die Autoscheibe lächelte ich sie an und dieses Lächeln wurde von den Mädchen mit einem breiten und von den Polizisten mit einem schüchternen Lächeln erwidert…. Oh Kabul-jan....