08 Mai 2010 - Einmonatiges Jubiläum

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Heute haben wir Farshids Geburtstag und mein einmonatiges Jubiläum in Kabul gefeiert.  Ich weiß nicht so recht, ob dieser Monat schnell oder langsam vorbeiging. Eigentlich bin ich ja gerade erst angekommen aber andererseits scheint es auch so, als wäre ich schon ewig hier. Zu sehr bin ich schon in meine Arbeit und mein neues soziales Netzwerk hier eingebunden. 

Als ich ins afghanische Entwicklungsministerium kam, da wusste ich so gar nicht, was ich zu erwarten hatte und das, was ich mir ausgemalt hatte, das trifft einfach überhaupt nicht zu. Wir sind ein junges Team in AREDP, keine muffligen alten Minister, so wie ich mir das vorgestellt hatte ;).  Ich glaube das Durchschnittsalter liegt nur knapp über meinem Alter. Das Afghanistan Rural Enterprise Development Program ist eines der sechs nationalen Entwicklungsprogramme der afghanischen Regierung, arbeitet jedoch weitgehend unabhängig vom Ministerium für Ländliche Entwicklung und Wiederaufbau dem es zugeordnet ist, unter der Ägide der Weltbank und zum Teil auch unter dem Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen. Unser Büro ist zwar sehr sporadisch ausgestattet, wir haben zum Beispiel keine Telefone, sondern benutzen Skype um zwischen den Büros zu kommunizieren, doch die Arbeitsweisen im Büro sind modern und ich würde sagen (um auf meinen Lieblingsausdruck aus Citi-Zeiten zurückzukommen) „corporate“. Wir sind alle schwer beschäftigt. Erst vor etwa einem Monat, also kurz vor meiner Ankunft,  hat die Weltbank den endgültigen Startschuss für das Projekt gegeben, jetzt wird das Programm in 10 verschiedenen afghanischen Provinzen ausgerollt. Davor hatte AREDP nur einige Pilotprojekte in den stabileren Provinzen des Landes, denn für ein Regierungsprogramm ist es nicht leicht in Regionen zu operieren, in denen die Taliban und andere Aufständische Fuss gefasst haben. Es ist eine spannende Zeit in AREDP und für mich scheint es fast wie ein Wunder, dass ich hier gelandet bin. Ein netteres Team hätte ich nicht finden können und eine interessantere Arbeit wohl auch nicht. AREDP ist einfach mittendrin in dem ganzen Afghanistan-Geschehen. Von Schäfern bis hin zum Präsidenten, AREDP arbeitet mit dem ganzen Land zusammen. 

Ein typischer Tag in AREDP beginnt mit endlosen Begrüßungen (man fragt dabei gerne mindestens ein bis zwei Minuten lang nach dem Gesundheits- und Glückszustand und nach dem restlichen Wohlbefinden der anderen Person). Alleine dieser Teil der Begrüßung könnte in einem Dari (Persisch-) Buch schon einmal die ersten zwei Lektionen einnehmen ;). Bei Dari fällt mir ein -  heute hatte ich schon meine dritte Unterrichtsstunde. Hoooray, bald bin ich ein Experte ;). Nach der Begrüßung gibt es  Grünen Tee. Grünen Tee und ein paar Witzchen der Arbeitskollegen. Dann wird in die Tastatur gehauen. Projektanträge und Projektauswertungen müssen geschrieben werden, Präsentationen für das nächste Meeting vorbereitet, Statistiken erstellt, Konferenzen vorbereitet, CVs gescreent und Interviews geführt werden. Dann gibt es Mittagessen. Rabia-jan unsere Köchin, kocht für das ganze Team und wir essen alle gemeinsam an einem großen Konferenztisch zu Mittag.  Nachmittags sind wir oft außer Haus, in verschiedenen Ministerien, in Kabuls Universität, im Büro der Weltbank oder im Serena oder Interconti auf verschiedenen Konferenzen. Langweilig wird mir bei der Arbeit nie, Carol und ich sind häufig von morgens um 8 bis abends um 06.00 im Büro und das 6 Tage die Woche. Die Arbeit die anfällt übersteigt die Kapazitäten unseres Teams bei weitem. Das ist ein großes Glück für mich, denn eigentlich kam ich ja als Trainee ins Ministerium, habe jetzt aber nach nur einem Monat einen Vertrag von meinem Chef bekommen. Reich werde ich damit nicht, doch mehr als hier in Kabul ein interessantes und gemütliches Leben führen zu können, möchte ich ja gerade auch nicht…. 

Kürzlich hat mein Chef, Javaid-jan, die tolle Idee gehabt, in Kabul einige Bäume zu pflanzen. Bäume kann Kabul dringend gebrauchen, denn die Luft in der Stadt ist einfach abscheulich versmogt. Fast alle Ausländer bekommen nach wenigen Wochen in Kabul den so genannten Kabul-Husten. Zudem ist die Luft fast immer staubig und wenn es dann einmal regnet, dann verwandelt sich Kabul in eine einzige Schlammgrube. Kabul braucht dringend mehr Bäume.

 


Kabul liegt auf knapp 2000 Metern Höhe in einer Art Kessel, eingekreist von  4- und 5-Tausendern. Einer dieser Berge ist der Paghmon Pass, auf den  wir letzten Freitag hochgeklettert sind.  Dort oben auf 4½ Tausend Metern, gab es Unmengen von Schnee, obwohl es unten in Kabul 25 Grad hatte. 

 

 

 

Kabul konnte man vom Berggipfel leider nicht sehen, denn diese Seite des Berges war voller Nebel. Genau oben am Gipfel war die Wetterscheide und Richtung Nordwesten hatten wir einen gigantischen Ausblick. Ein Ausblick, der erahnen ließ, wie schön Afghanistan sein muss.  Die Berge weiter weg sind vermint und irgendwo hinter ihnen beginnt Talibanistan. Weiter als hier kann man also nicht gehen…. Zum Glück hatte ich vor diesem Ausflug noch Zeit, mir auf dem Bush Bazar ein paar anständige Schuhe zu kaufen. Ihr habt richtig gehört, der Bush Bazar. Er wurde nach dem früheren Ex Präsidenten Bush benannt und auf ihm werden Unmengen amerikanischer Produkte verkauft, von Chocolate Chip Cookies, über Truthähne bis hin zu Kleidung des amerikanischen Militärs. Es gibt Gerüchte die besagen, dass alle Güter auf dem Bazar von der Bagram Air Base gestohlen sind.....

Nach gut 5 Stunden Fußmarsch bergauf, war der Abstieg vom Paghmon Pass geradezu bequem. Wir haben uns einfach auf große Plastiktüten, unsere afghanischen Schlitten, gesetzt und sind den Hang wieder hinuntergefahren.

 

 

Unten angekommen, waren wir natürlich komplett nass und durchgefroren aber es war mal wieder ein grandioser Tag. Leider war dies aber wohl unser letzter Trekkingausflug mit Tom für eine längere Zeit. Toms Frau ist diese Woche aus Dubai zurückgekehrt,  wo sie wegen einer schweren Entzündung im Bein behandelt wurde. Wandern wird sie wohl für eine lange Zeit nicht können....