Wenn sich die Seiten dieses Kabul Tagebuchs füllen, erfüllt sich mir ein lang ersehnter Traum. Vor mehr als drei Jahren war ich schon einmal am Hindukush – allerdings auf pakistanischer Seite. Damals auf dem Torkham Pass, dem Grenzpass der Afghanistan und Pakistan teilt, lag Afghanistan direkt vor mir, keine zwanzig Meter war es entfernt und doch trennten uns weitere drei Jahre. Drei Jahre, in denen mich das Gefühl nie los ließ, dass dies nur der Anfang eines besonderen Kapitels in meinem Leben sein würde. Drei Jahre – da soll doch irgendjemand behaupten, dass diese Entscheidung nicht wohl überlegt sei! Drei Jahre später kehre ich nun endlich in die Region zurück. Diesmal im Handgepäck nicht die Freiheit eines Reisenden, dafür aber die Freiheit eines Menschen, der etwas tut woran er glaubt und der jeden Tag aufs neue lernen und erfahren möchte.
Für jemanden der Konflikte studiert und sie verstehen will, gibt es kaum einen profunderen Ort um zu forschen, als Afghanistan. Genau aus dieser Erkenntnis entsprang die vage Idee in Kabul eine Feldstudie zu machen. Die ersten Kontakte florierten und über die letzten Monate ist das ganze zu einem konkreten und ausgereiften Plan gewachsen. So durchgeplant und organisiert, habe ich Europa überhaupt noch nie verlassen. Doch Afghanistan ist anders als meine anderen Ziele. Mit meinem üblichen Ansatz – irgendwie wird das schon alles und darüber kann ich mir auch noch Gedanken machen wenn ich da bin – würde ich in Afghanistan wohl nicht gut fahren. Ich bin froh, das Angebot vom afghanischen Entwicklungsministerium bekommen zu haben, in einem gemeinsamen Projekt des Ministeriums, der Weltbank und der amerikanischen Princeton Universität mitzuarbeiten. Carol die das Projekt leitet, hat mir im Vorfeld meines Kabul Aufenthalts viel Hilfestellung geleistet. Jetzt muss ich mich nur noch ins Flugzeug setzten, fast alle anderen Vorbereitungen sind getroffen. Ich habe eine Unterkunft mit Vollpension, Internet und einem Fahrer der mich jeden Tag ins Ministerium und wieder nach Hause fahren wird und der mich natürlich auch vom Flughafen abholt. Das Vorhaben erscheint gerade zu bequem und einfach verglichen zu meinen früheren chaotischen Abenteuern ;)
Und doch, die Entscheidung, die trendy-hip-fiesta-siesta-sex-in-the-city-vamos-a-la-playa Stadt Barcelona gegen Kabul einzutauschen mag einigen von euch sicherlich völlig absurd und radikal erscheinen. Nur wenige können sich vorstellen, dass man in Kabul ein glückliches Leben führen kann und dass sich hinter dem ganzen Chaos auch so etwas wie ein Alltag verbirgt. Doch Afghanistan ist nicht nur Krieg, Afghanistan ist auch Wiederaufbau, Neuanfang und Hoffnung für die Zukunft. Das Leben in Kabul mag rau sein, doch es ist genau diese Rauheit, welche die Menschen zusammenschweißt.
„So Menschen muss es ja auch geben - aber warum gerade du?“ - Diese hypothetische Frage stellten mir meine Eltern, nachdem ich ihnen meinen Plan offenbart hatte. Warum – ich weiß es nicht und doch weiß ich, dass es so und nicht anders sein soll. Wenn man sich auf dem richtigen Weg befindet, dann spürt man das. Glück, Ausgeglichenheit und Vertrauen machen sich im Geist und in jeder Zelle des Körpers breit. Keine Angst und keine Zweifel können diesem Gefühl lange standhalten. Mein Vertrauen in mich selbst und mein Vertrauen in das Leben habe ich euch - meiner Familie - zu verdanken. Ihr seid die wirklich Starken und nicht ich. Ihr habt es geschafft, mich immer voll und ganz zu unterstützen, wenngleich ihr euch große Sorgen um mich macht. Dafür werde ich euch immer dankbar sein!